Besuch vom Landestheater am Gymnasium Albertinum
„Fabelhaftes Schauspielertheater…voller Spannung, Poesie und Komödiantik“ – so schreibt die Neue Presse über die Aufführung des Stücks von Heinrich von Kleist am Landestheater. Wir, das P-Seminar Zeitungsjournalismus, haben viele solche Kritiken über das hochgepriesene Stück gehört und wollten wir uns eine eigene Meinung bilden.
In diesem Trauer- spiel von Heinrich von Kleist geht es um die Geschichte zweier Familien des Schroffensteinschen Adelsgeschlechts, die nach einem Streit entschieden haben, dass nach dem Tod eines Familienoberhauptes die andere Familie das ganze Erbe bekommen wird. Als Peter, der Sohn von Rupert von Schroffenstein, tot aufgefunden wird und jemand unter Folter den Namen Sylvesters von Schroffenstein nennt, schwört die Familie Ruperts Rache. Zu diesen Missverständnissen kommt hinzu, dass neben Johan, dem unehelichen Sohn Ruperts, und dem Boten Jeronimus auch Ottokar, Sohn Ruperts, in Agnes, die Tochter Sylvesters, verliebt sind.
Hat die Liebe zwischen Ottokar und Agnes trotz der Feindschaft ihrer Familien eine Chance?
Begeistert von den Schauspielern und Schauspielerinnen, der Geschichte und vom überraschenden Ende, erwarteten wir, die Theaterpädagogin Yvonne Schwartz, den Dramaturgen Georg Mellert und (zur Freude aller P-Seminar-Teilnehmer) auch zwei Schauspieler im Unterricht. Viele rätselten, welche Rollen die anwesenden Schauspieler in dem Stück verkörperten. Im Gegensatz zur Zuordnung von Frederik Leberle als Ottokar, hatten wir anfangs Schwierigkeiten, Ines Lutz als Gertrude, Agnes‘ Mutter, einzu- ordnen. Es ist überraschend, wie jung die Schauspielerin in Wirklichkeit ist und wie überzeugend sie die Rolle als Mutter darstellte. Während wir unsere Eindrücke, Meinungen und Fragen äußerten, wurde deutlich, wie interessiert die Schauspieler, der Dramaturg und die Theaterpädagogin an unserer Kritik sind und welchen Standpunkt die Schauspieler selber bezüglich ihrer Rolle vertreten. Beispielsweise war Ines Lutz davon enttäuscht, dass die Frauen in diesem Stück machtlos sind und nur „über ihre Männer“ kommunizieren können. Auf die Antwort, dass man durch mehr Kommunikation zwischen den Familien die Missverständnisse hätte vermeiden können, schlug Frau Schwartz ein Experiment vor:
Im Stil von „Stille Post“ ließ sie einen Satz weiterflüstern. Nachdem dieser Satz ungefähr zwölf Mal weitergesagt wurde, kam der Satz- brocken „Es wird behauptet, dass die Mutter den Opa…“ heraus.
Unter großem Gelächter wurde verkündet, dass der ursprüngliche Satz so lautet: „Es wird behauptet, dass Sylvester Peter, den Sohn von Rupert von Schroffenstein, umgebracht hat.“ Dieses Beispiel zeigt, wie Missverständnisse entstehen können, wenn nicht direkt, sondern, übertragen auf das Theaterstück, über einen Boten kommuniziert wird.
Wir bekamen einen Einblick, wie ein Theaterstück von der Textvorlage bis zur Aufführung umgesetzt wird (überraschender- weise wird vieles spontan bei den Proben entschieden), was die Aufgaben eines Dramaturgen sind und wie viel Spaß die Schauspieler an ihrer Arbeit haben. Keine unserer Fragen blieb unbeantwortet.
Und so ergibt sich unsere Meinung: Das Stück „Die Familie Schroffenstein“ ist ein sehenswertes Theaterstück, das die Spannung der Zuschauer trotz unglaubwürdigem Ende fesselt und zeigt, wie Missverständnisse und Rache eine Familie zerstören können. Fest steht: Das wird nicht unser letzter Theaterbesuch mit einer Nachbesprechung gewesen sein!
Rüya Güleryüz, Q11